,,Niemand weiß, was hinter diesen Türen vonstattengeht.
Es ist eine Welt für sich.
Man munkelt, dass dort alle groß und bedrohlich sind. Einer breiter als der andere.
Mädchen findet man dort keine.
Und wenn dort so jemand wie ich angedackelt kommt, wird er aufs Äußerste verurteilt.
Halb so groß. Viertel so breit. Ich mache mich komplett lächerlich, wenn ich hilflos an den schweren Geräten herum zottele. Dann schauen sie mich alle böse an.“
Meine Freunde lachen. Sie wissen, dass ich schon länger plane, im Fitnessstudio anzufangen. Bisher hatte ich immer die Idee, ich müsste dazu nur die passende Begleitung finden, dann würde es schon funktionieren.
Irgendwann wurde mir klar, dass mich diese Einstellung nur hemmt.
Ich pflege zu sagen ,,Wenn in einer Gleichung zu viele Variablen vorkommen, dann geht sie nicht auf.”
Variablen sind in dem Fall äußere Umstände und/oder andere Menschen.
Wenn ich etwas erreichen bzw. umsetzen möchte, dann muss der ausschlaggebende Impuls wohl von mir kommen. Das ist meiner Meinung nach der Schlüssel zu ausreichend Selbstständigkeit.
Die Gleichung darf das Vorkommen von Variablen nicht ausschließen. Sagen wir eine offene Klammer für alle Variablen, die vorkommen wollen. Die optimale Lage ist demnach ein ,,Ich habe dies und jenes vor. Schließ dich an oder lass es. Wenn du es tust, dann freue ich mich.“ Gemeinsame Aktionen machen in der Regel mehr Spaß.
.,Aber ich werde den Plan auch umsetzen, wenn du dich nicht anschließen solltest.”
Also, was hält mich davon ab, ins Fitnessstudio zu gehen? Mal wieder reine Kopfsache.
Fertig machen. Tasche packen. Frühstücken. Sportklamotten an. ,,Was hält dich davon ab, von Pfütze zu Pfütze zu springen?”
Ich kritzele in meinem Notizbuch herum. Schreibe mir einen Tagesplan und vielleicht noch eine Liste. Merke plötzlich, dass ich es hinauszögere. ,,Ich schiebe es vor mich hin.”, schreibe ich meinen Freunden.
Keine zehn Nanosekunden später ertönt mein Klingelton. Ehe ich auch nur ein ,,Hallo?” hineinfragen kann, ertönt es aus dem Hörer: ,,Du hast eine Viertel Stunde, dann bist du gefälligst auf dem Weg!”
Kein Erbarmen. Ich gehorche. Das ist nämlich auch so eine Eigenschaft von selbstständigen Aktionen; wenn man Freunde hat, die einem beistehen/einen motivieren, dann fällt die Umsetzung in der Regel leichter.
Keine halbe Stunde später bin ich zum ersten Mal alleine im Fitnessstudio. Ganz alleine ist man da ja natürlich auch nicht. Trainer vor Ort stehen mit viel Hilfestellung und Rat zur Seite.
Trainer, die einen beim trainieren womöglich auch ein bisschen ausfragen. Die spitz kriegen, dass man Medizin studiert. Und ehe man sich versieht, wissen die Kollegen auch schon davon. Und ehe man sich versieht, soll man sich doch ein Anatomiebattle mit dem Chef liefern. ,,Aber wehe du verhaust die Fakten. Dann gibt es 50 Kilo mehr auf der Beinpresse.”
Ich sage aus dem Stehgreif die Adduktoren auf. Der Trainer kann sie nur auf deutsch, ich nur auf lateinisch. Spaßeshalber frage ich ihn nach der Innervierung. Fehlanzeige. Ich bringe die Fakten und erkläre die Ausfallerscheinungen. ,,Ja, also bei beidseitigem Ausfall sieht die Lage für einige Geräte hier nicht mehr so vielversprechend aus.”
,,Du sagst es.”
Da er mir die Innervierung nicht sagen konnte, biete ich ihm an, doch einfach am Präparierkurs teilzunehmen. ,,Sobald ich da Tutorin bin, kann ich euch sicher hineinschmuggeln. Dann lernt ihr die Muskelgruppen mal anders kennen.“
Tja, man lernt nie aus.
Und das Medizinerdasein legt man wohl auch nicht ab, wenn man die Sportklamotten überstreift.
PS: Dass sich im Fitnessstudio nicht nur böse dreinblickende Rabauken und keine Mädchen befinden, ist hoffentlich offensichtlich. Ich habe mir sagen lassen, dass wohl eher ich diejenige bin, die beim Trainieren, wie auch beim konzentrierten Lernen in der UB, die bösen Blicke absondert. Keine Absicht, ganz sicher nicht. Für meine Freunde aber Grund genug, um mich damit aufzuziehen. Tja.